Die erste Frage zum Lippmann+Rau-Musikarchiv lautet stets: Warum ist es in Eisenach ansässig und nicht in Berlin, Köln oder Frankfurt/Main, den deutschen Metropolen des Jazz bzw. der populären Musik? Dafür gibt es mindestens 4 gute Gründe:
1.) Zum einen, weil der Spiritus Rector des Archivs, Reinhard Lorenz, mit Leib und Seele Eisenacher ist und sich neben seiner Tätigkeit als örtlicher Kulturamtsleiter mit ganzer Kraft der Idee widmet, dem Jazz und der populären Musik einen Ort der Erinnerung am Fuße der Wartburg zu geben. Das macht auch Sinn, bedenkt man die Tatsache, dass Eisenach mit dem Bachhaus und dem Reuter-Wagner-Museum bereits zwei Institutionen vorweisen kann, die sich der (klassisch-europäischen Kunst-)Musikgeschichte widmen. Das Lippmann+Rau-Musikarchiv komplettiert dieses Angebot genau um die Bereiche der modernen Musikgeschichte, die leider allzu oft als "unseriös" abgetan werden.
2.) Ein anderer Grund für den Standort Eisenach ist die Tatsache, dass hier einer der ältesten deutschen Jazzvereine beheimatet ist. Der Jazzclub Eisenach e.V. wurde bereits 1959 gegründet und hat seitdem nicht nur die DDR und die Wendejahre überlebt, sondern außerdem auch einen beachtlichen Mitgliederstamm aufgebaut, der mehr als 200 Personen umfasst.
3.) Nicht zuletzt der Umstand, dass der berühmte Konzertveranstalter Horst Lippmann - einer der beiden Namenspatrone - aus Eisenach stammt, spricht für Eisenach als Standort.
4.) Auch die zentrale Lage inmitten Deutschlands bringt logistische Vorteile mit sich. Die guten Verkehrsanbindungen und kurzen Wege werden von allen Besuchern des Archivs geschätzt.
Geschichte des Archivs
Der Gründung des Archivs geht eine lange Reihe von Ereignissen voraus, die bis in die 1920er Jahre zurückreicht. Bereits 1925 kann man in Eisenach amerikanische Jazzschallplatten kaufen und schon 1926 spielen örtliche Kapellen Swing. Während und nach dem 2. Weltkrieg gibt es (illegale) Jam-Sessions. 1959 wird der erste ostdeutsche Jazzclub in Eisenach gegründet mit Manfred Blume als Vorsitzendem. Dieser leitet den Club mit viel Enthusiasmus bis zu seinem frühen Tode im Jahre 1986. Von da an übernimmt Reinhard Lorenz (seit 1965 Mitglied des Eisenacher Jazzclub e.V.) den Vorsitz.
Als Reinhard Lorenz mit Verbündeten 1999 das Archiv aus der Taufe hebt, firmiert es anfangs noch unter dem Namen "Boas-Sammlung", weil die international anerkannte Sammlung des Blues- und Jazz-Pianisten Günter "Bessie" Boas den Grundstock bildet. Kurze Zeit später schon ist von einem "Internationalen Jazzarchiv Eisenach", zwischenzeitlich auch von einem "Internationalen Jazz- und Blues-Archiv Eisenach" die Rede, wegen der rasant anwachsenden Sammlungsbestände, die vor allem durch die riesige Sammlung von Fritz Marschall (8 Tonnen Gewicht!) stark erweitert werden.
2006 gründen Reinhard Lorenz und Daniel Eckenfelder gemeinsam mit einem illustren Kuratorium die Lippmann+Rau-Stiftung mit Sitz in Eisenach. Diese widmet sich dem kulturellen Erbe von Horst Lippmann und Fritz Rau, die gemeinsam in den 1960er, 70er und 80er Jahren die Konzertagentur "Lippmann+Rau" betreiben. Die Liste der Künstler, welche sie ambitioniert vertreten, liest sich wie das who is who der Jazz-, Blues-, Rock- und Popgeschichte:
Joan Baez, Rolling Stones, Peter Maffay, Scorpions, Tina Turner, Michael Jackson, Charles Aznavour, Bob Dylan, Marlene Dietrich, Ella Fitzgerald, The Doors, The Les Humphries Singers, Miles Davis, Frank Zappa, Rory Gallagher, The Who, David Bowie, Freddie Mercury und Queen, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Udo Lindenberg, Udo Jürgens, Gitte Hænning, Nana Mouskouri, Madonna, Prince, Eric Clapton, Rod Stewart, Harry Belafonte, ABBA, Ton Steine Scherben, Albert Mangelsdorff, Katja Ebstein, Jethro Tull etc.
Die Nachlässe (Korrespondenzen, Platten, Broschüren etc.) der Lippmann+Rau-Agentur sind teilweise im Besitz des Archivs (der Rest folgt demnächst). Auch das Werk von Günther Kieser, des kongenialen Graphikers an der Seite von Lippmann+Rau, ist größtenteils im Archiv zu finden.
Um der Vielfalt der inzwischen angesammelten Materialien (tausende VHS-Videos, DVDs, CDs, Schellack-Platten, MCs, Tonbänder, Fotographien, Negative, Graphiken, Bilder, Bücher, Zeitschriften, Broschüren, Werbeartikel, Instrumente, Radios etc.) Herr zu werden und diese wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen, geht die Lippmann+Rau-Stiftung 2009 eine Kooperation mit der Weimarer Hochschule für Musik FRANZ LISZT ein, die vom Freistaat Thüringen zunächst bis einschließlich 2011 im Rahmen der Landesprogramms ProExzellenz großzügig gefördert wird. Hierdurch ist es möglich, am musikwissenschaftlichen Institut der Hochschule eine Professur für "Geschichte des Jazz und der populären Musik" zu schaffen. Der neue Inhaber (Prof. Dr. Martin Pfleiderer) ist zugleich wissenschaftlicher Leiter des Archivs. Zudem wird eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle (Nico Thom) und eine halbe Sekretariatsstelle (Antje Wagner) aus dem Landesprogramm "ProExzellenz" finanziert. Beide Stellen sind zwar der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar angegliedert, ihr Hauptarbeitsort ist jedoch das Archiv in Eisenach, welches nun offiziell den Namen "Lippmann+Rau-Musikarchiv" trägt.
Philosophie des Archivs
Das neue Team setzt sich - ganz im Sinne von Horst Lippmann und Fritz Rau - für einen weiten Begriff von Jazz und "populärer Musik" ein, wobei alle (historischen) Spielarten als wissenschaftlich relevant erachtet werden. Dazu zählen neben Jazz-Stilistiken wie zum Beispiel Dixieland, Bebop, Cool-, Free- und Fusion Jazz auch Blues, Pop, Rock, Country, R'n'B, Soul, Gospel, Spiritual, Reggae, HipHop, Heavy Metal, Techno, Folk, Chanson etc. in ihren nationalen und internationalen Ausprägungen.